Tantra
Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterfahrung

Was ist nun dieses Tantra eigentlich?
Da diese Frage nicht mit einem kurzen Satz zufriedenstellend zu beantworten ist, sollen diese Texte von Helena Krivan helfen, dir einige Aspekte von Tantra näherzubringen.
 

Tantra ist ...

... eine uralte Wissenschaft, die eingehend die Zusammenhänge der Sexualität mit der Psyche betrachtet.

... ein spiritueller Weg, der Sexualität, Liebe und Bewußtsein in Einklang bringt.

... eine intensive Selbsterfahrung, die Dich zu einem neuen Körperbewußtsein, zur Wahrnehmung von feineren Energieflüssen sowie zu einer neuen Dimension von sinnlichem Erleben führt. Du wirst zentrierter, wacher und lernst, immer mehr im Hier und Jetzt zu leben.

 

Befreiung durch Ausdehnung

Befreiung und Ausdehnung sind zwei der Bedeutungen des Sanskritwortes "Tantra". Dass Ausdehnung und Erweiterung immer auch etwas mit Freiheit zu tun hat, erfahren wir schon beim einfachen Atmen: Die Lunge weitet sich, füllt sich mit Leichtigkeit, Energie durchströmt uns - wir atmen frei.

Im Tantra peilen wir das Ziel der Befreiung von all dem an, was uns beschränkt, einengt, in unserer Lebendigkeit behindert; die Befreiung erfolgt durch mannigfaltige "Dehnübungen" in alle erdenklichen Richtungen:

Wir erweitern unsere Wahr-Nehmung ( dh. das, was wir für wahr nehmen) und befreien uns dadurch von der engen Sichtweise, dass es nur das gibt/ geben darf, was man auch sehen und messen kann.
Wir weiten unsere Grenzen aus, indem wir sie zuerst erkennen, dann als solche akzeptieren und zuletzt behutsam überschreiten.
Wir dehnen den Bereich dessen, was wir in unserem Leben für realistisch und machbar halten.
Wir befreien uns von unterdrückten, ungeliebten Gefühlen (Wut, Angst, Eifersucht,...), indem wir unsere Aufmerksamkeit auch auf sie ausdehnen. So können sie aus derTiefe auftauchen, und wir haben Gelegenheit, sie auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu entlassen.
Wir erweitern den Raum, in dem wirkliche Begegnung stattfinden kann, sodaß uns eine immer größere Auswahl an potentiellen Gesprächs- und Beziehungspartnern zur Verfügung steht.
Wir steigern unser Verständnis und unser Mit-Fühlen - in erster Linie für uns selbst, und in der Folge auch für unser Gegenüber.
Wir verfeinern unsere Sinne und lernen, aus dem, was gerade da ist, immer mehr für uns herauszuholen.

Je weiter unser Horizont wird, je mehr wir uns ausdehnen, je mehr Dinge, Menschen, Situationen unser Wesen umfassen (dh.: umarmen) kann, desto mehr Möglichkeiten zum Handeln bieten sich uns. Und die wachsende Palette an Möglichkeiten führt letztlich zur Handlungsfreiheit: Ich bin frei, selbstbestimmt zu handeln, so wie es meinem ureigenen Wesen gemäß ist - ohne von außen aufgestülpte Regeln, Ängste, Forderungen und Beschränkungen.

© Helena Krivan, 1997
 

Tantra - Sich zeigen heißt sich selbst ent-decken

Sich zeigen.
Puh. Allein der Gedanke daran bringt viele schon zum Schwitzen.
Sich zeigen, so, wie man ist.

Und prompt beginnen die inneren Stimmen zu verhandeln: Na ja, aber doch nicht alles, oder? Und: Jedem zeig ich mich aber nicht! Und: Was ist denn genau gemeint mit Sich-Zeigen? Oder: So ein Blödsinn, das hab ich nicht nötig.

Sich zeigen.
Dabei kann es so einfach sein: Es bedeutet schlicht, sich nicht zu verstecken.

Aber genau das haben wir uns ein Leben lang mühsam angewöhnt. Und die Argumente, mit denen wir uns überzeugen ließen, waren einleuchtend: Wenn du dich wirklich ohne Maske zeigst, wird dich keiner mehr mögen; deine Mängel auf allen Ebenen (Neid, Bedürftigkeit, Schmerz, kurze Beine, zuviel Bauch, zuwenig Ahnung von Computern) werden alle vergraulen, die für dich von Bedeutung sein könnten; man wird über dich lachen; alle werden sehen, dass mit dir "etwas nicht stimmt" – kurz: Wenn du es wagst, dich so zu zeigen, wie du bist, bist du selber schuld, wenn du zum Schluss allein, unverstanden und ungeliebt dastehst.

So wertvoll der Schutz eines äußeren Scheins manchmal sein mag: eines der Probleme dabei ist, daß das Aufrechterhalten von Masken, das Sich-Verstecken, ungeheure Mengen an Energie verschlingt. Es ist einfach anstrengend, ständig auf der Hut zu sein, immer mit ausgefahrenen Antennen, die mir melden, wie weit ich mich vorwagen darf mit meinem So-Sein, ohne anzuecken, ohne einen Rüffel oder mißbilligende Blicke zu riskieren.

Noch weitaus schlimmer ist aber, dass ich mich so sehr in meinen Masken verstricke, mich so sehr mit dem selbstgebastelten Schein identifiziere, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich denn nun eigentlich wäre, wenn ich mich nicht verstecken würde, wenn ich nicht mehr so sein "müsste", wie es die anderen erwarten!
Wir kennen uns oft selbst nicht mehr. Wir sind uns fremd geworden. Und je fremder wir uns sind, desto ängstlicher und ablehnender reagieren wir auf das Ansinnen, doch dazu zu stehen, was und wie wir wirklich sind – einfach mal Flagge zu zeigen.

Für die ersten Schritte in dieser Richtung ist es oft gut, einen geschützten Rahmen zu haben. Eine Gruppe, in die man sich fallenlassen kann wie in eine warme Tuchent. Menschen, die es – so wie du - vielleicht das erste Mal wagen, sich rotverheult zu zeigen, die aufgestaute Wut auszupacken oder das juchzende Energiebündel, die verschämten, schüchternen Anteile, die ungeliebten Krampfadern, das ängstliche Kind... Inmitten von Menschen, die entschlossen sind, sich in der Seele berühren zu lassen und das auch zu zeigen, fällt es leichter, sich auf sich selbst einzulassen. Zu erfahren, daß man auch mit verquollenen Augen liebenswert ist. Dass Angst kein Grund ist, abgelehnt zu werden. Dass ein runder Bauch oder Po auf viele anziehend wirkt.

Und so, wie ein noch unbekanntes Kunstwerk feierlich enthüllt wird, so lernst du, dich selbst in deiner Wahrhaftigkeit zu ent-decken...
 

 

Tantra - das Leben wagen

Stell dir mal vor, wie das wäre:

Eines Morgens wachst du auf und alles, was dich bislang daran gehindert hat, deine gesamten Talente und Fähigkeiten, dein Wissen und Können, dein tiefes Sehnen und innerstes Wünschen in deiner höchsten Möglichkeit zu entfalten, ist einfach verschwunden. Plopp und weg.

Plötzlich würdest du drauflos singen, wenn dir danach zumute wäre, ohne groß zu überlegen, wie sich das denn anhört.

Wenn dich jemand aufforderte, mitzugehen zum Inline-Skaten, würdest du keinen Gedanken mehr an dein Alter und die Gesichter der anderen verschwenden, es einfach tun – und deinen Spaß dabei haben.

Mit einemmal wäre es kein Problem mehr, auf jemanden zuzugehen und deine Empfindungen auszudrücken, so, dass der andere sie auch annehmen kann.

Du würdest bei der nächsten Besprechung deine Ideen einbringen, ohne von vorneherein zu vermuten, dass sie eh keiner hören will.

Du würdest dir plötzlich bewusst werden, was deine eigentliche Aufgabe, dein ganz spezielles Talent ist, und würdest die Weichen so stellen, dass du es auch verwirklichen kannst – ganz egal, was und wie laut die Umwelt unkt.

Du würdest erkennen, ob du das, was vom Außen an dich herangetragen wird, auch willst – und eindeutig Ja oder Nein dazu sagen können, ohne dich deshalb schlecht zu fühlen.

Du könntest Herausforderungen annehmen, im Bewusstsein, dass es auch schiefgehen kann – aber dass du auf jeden Fall etwas daraus lernen wirst.

Du könntest das, was du tust, mit Leidenschaft, mit ganzem Einsatz, das heißt, mit Leib und Seele tun – es wäre ja das, wonach dein ganzes Sein verlangt hat!

Du würdest dich mit Lust & Freude auf das Abenteuer LEBEN einlassen, denn du hättest erkannt, dass du nur gewinnen kannst – das Leben selbst nämlich, in seiner atemberaubenden Buntheit, Fülle und Pracht.

Wir picken so sehr am Boden. Die zähen Klebstofffäden, die uns unten halten, bestehen aus lauter Dastutmannicht und Darübersprichtmannicht und Wiekannstdunur. So lange hat man uns runtergedrückt und uns eingeredet, wir hätten keine Flügel. So viele Jahre lang die eigene Unwichtigkeit und Inkompetenz gelehrt.

Es ist an dir.

Da draußen ist Frühling, und dein Leben vergeht im Sekundentakt.
Spann deine Flügel aus.
Flieg los!

 

Das ist doch kein Tantra

"Das ist doch kein Tantra, was ihr da macht", meinen manche missbilligend; weil Tantra, "das ist doch das mit den vielen Stellungen, oder?"

"Was hat denn das mit Tantra zu tun, was wir hier lernen", bemängeln andere, denn Tantra, "das ist doch streng ritualisiertes Liebemachen zwecks Erlangung der Erleuchtung – oder etwa nicht?"

"Immer dieses Spielerische", rügen die nächsten, "was hat das mit der ernsthaften Arbeit an sich selbst zu tun, die doch bekanntlich Tantra ausmacht?"

"Also diese Kuschelhaufen – was haben die bloß mit Tantra zu tun?", schütteln so manche den Kopf. "Tantra ist doch Meditation und immer tiefere Versenkung in mich selbst, oder nicht?"

"Das ist mir alles viel zu körperlich, was ihr da anbietet", tun sich wieder andere schwer; "Tantra ist doch, wie man weiß, die rein geistige Verschmelzung der energetischen Prinzipien von Männlich und Weiblich..."

Die kritischen Stimmen haben natürlich alle recht.
Und auch wieder nicht.

So wie man sich zum Zaubergarten der höheren Mathematik erstmal durch das Unterholz des kleinen Einmaleins durcharbeiten muss, und ein Volksschüler nur wenig mit Integralrechnung anfangen könnte, so ist es für die Adepten des tantrischen Weges unumgänglich, sich erstmal die Basics anzueignen, bevor man überhaupt Spaß findet an höheren Stufen der energetischen Arbeit: Das Vertrautwerden mit dem eigenen Körper, das liebevolle Annehmen aller seiner Funktionen, ein Ja zur eigenen Sexualität in ihrer ganzen Bandbreite, das Integrieren des Lustprinzips in den Alltag (es darf auch Spaß machen!), das Lernen um energetische Vorgäng im Körper, das Gestatten von Nähe und der Mut, Nein zu sagen, Heilung alter, schmerzlicher Geschichten aus der Kindheit, Freude an der Innenschau, Lust an der Erweiterung selbstgesteckter Grenzen...

Es gilt, eine Menge liebgewordenen, aber unnötigen Ballast abzuwerfen, zahllose Monster aus grauer Vorzeit zu verabschieden, die eigene Größe zu erkennen, zum Urvertrauen zurückzufinden, Verantwortung für das eigene Tun und Lassen zu übernehmen, den offen-unschuldigen Zugang zu den Dingen des Lebens wiederzugewinnen, sich übers Mann- und Frausein klarzuwerden und noch einiges mehr, bevor es Sinn macht, still zu werden und TANTRA zu machen: nämlich zu ATMEN und zu SEIN, und das Glück, das darin liegt, zu begreifen – und zu halten.

Es ist also, zumindest über mehrere Stufen hinweg, tatsächlich kein "richtiges" Tantra, was man bei uns erfährt. Aber es ist die gut ausgebaute Auffahrt auf die tantrische Autobahn. Und wenn man da mal oben ist, dann geht’s dahin... !

© Helena Krivan. 2000

 

Fragen, Fragen, Fragen...

Also, das Fragespiel geht so: Ein Mann verdächtigt seine Frau der Untreue. Eines Abends sagt sie, sie geht ins Kino und wird in drei Stunden zurücksein. Er sieht ihr beim Weggehen nachdenklich nach und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.
Nach drei Stunden kommt sie wieder, fragt ihn, ob er auch einen Kaffee will und geht in die Küche. Als sie wieder ins Zimmer kommt, verlangt er die Scheidung von ihr.
Wieso?

Ich persönlich liebe diese Art von Spielen! Die einen dürfen Fragen stellen, der andere - der die Lösung kennt - darf nur mit JA, NEIN oder UNWICHTIG antworten.
Aus der Fragestellung wird die Gedankenrichtung und -farbe des Fragenden erkennbar, er/sie zeigt sich - ob sie nun will oder nicht.
Wer fragt, tappt im Dunkeln, will aber etwas ans Licht bringen, und dieses Bedürfnis kann sehr, sehr stark sein.

Manche entwickeln brennenden Ehrgeiz und lassen die anderen kaum zu Wort kommen.
Andere hauen nach wenigen NEINs den Hut drauf und wissen, daß sies “eh nie erraten”.
Wieder andere schweigen lange still, hören zu, machen sich ihren Reim und sagen dann einfach die Lösung.
Manche stochern aufs Geratewohl im Heuhaufen herum, stellen die absurdesten Fragen, verteidigen sie leidenschaftlich gegen die Herablassung der strengen Logiker und nützen jede erdenkliche Taktik, um dem “Wissenden” mehr als nur die drei erlaubten Wörter zu entringen...
Irgendwann kommt man drauf, dass es wichtig ist zu lernen, die passenden Fragen auf passende Art zu stellen.

Diese Spiele sind ein wunderbares Mittel, um die Bilder und Vorstellungen, die wir uns von der Welt machen und die wir VOR die Wirklichkeit STELLEN, sichtbar werden zu lassen. Welch inneres Erdbeben, wenn sich die Fährte, die doch gestimmt haben muss, durch ein schlichtes NEIN als völliger Irrweg erweist (in den ich jetzt vielleicht schon eine ganze Zeit lang meine Energie reingebuttert habe!).
Welch Auflodern der Begeisterung, wenn nach einer dümpelnden Flaute eine Antwort plötzlich wie frischer Wind in die Spiel-Segel fährt!

Und auch für den “Wissenden” ist es eine lohnende Erfahrung: Nur mit drei Wörtern antworten zu dürfen, auf Nuancierungen zu verzichten, fein zu beobachten ohne je in den Fluss der Dinge einzugreifen, keine Hinweise, keine Fallen - nichts als das Wissen um die Lösung und das getreuliche Begleiten der anderen durch den Wust ihrer Fragen zu ebendieser Lösung.

Und etwas sehr Ähnliches geschieht bei einem uralten Eingangstor zur Wirklichkeit, dem Tantra:
Wenn ich für mich Licht in die Frage nach der Wirklichkeit bringen will, muß ich mir jemanden suchen, der, wenn schon nicht die Lösung, so doch mehr darüber weiß. Und dann muss ich fragen. Denn Tantra läuft mir nicht nach, um sich zu erklären und begreiflich zu machen! ICH muss den brennenden Wunsch verspüren, es - nein, nicht zu verstehen - zu erfahren. Und ich muss den Mut haben zu fragen, und auch die Kraft zum Schweigen, nachdem die Antwort gekommen ist.
Die Antworten sind hier scheinbar vielgestaltiger als JA, NEIN und UNWICHTIG, aber wenn ich genauer hinschaue, stelle ich fest, dass sie mich immer wieder einfach auf mich selbst zurückwerfen, mir den Spiegel vorhalten, mich auffordern, mich selbst zu erkennen und damit auch, Schritt für Schritt, die Wirklichkeit.

Im klassischen Tantra ist es nicht nur keine Schande, sondern im Gegenteil verdienstvoll, eineN LehrerIn um Erläuterungen zu bitten.
Und den guten Lehrenden ist es im Übrigen weder erlaubt noch interessiert es sie, von sich aus auf SchülerInnen zuzugehen.
Ich muss es erfahren wollen.
Ich muss fragen.
Tantra öffnet sich dem, der fragt - und zu schweigen versteht.


(Die Auflösung des Fragespiels?
...Sie hat beim Weggehen eine Laufmasche auf dem linken Bein gehabt - und nach dem Heimkommen war diese Laufmasche auf dem rechten Bein.)

© Helena Krivan, 2004


 

Die Botschaft des Tantra

  • Alle Gefühle sind wichtig und gehören zu dir - auch die sogenannt negativen.
  • Du allein bist für dich, dein Leben und dein Tun verantwortlich.
  • Der andere ist, ebenso wie du, in seiner Integrität zu respektieren, denn er ist Teil deines Selbst.
  • Sexualität gehört untrennbar zum Leben und zur Göttlichkeit.
  • Spielerischer Umgang mit dir, den anderen und der jeweiligen Situation erzeugen Heiterkeit, Lust, Zuversicht und Vertrauen.
  • Liebe ist kein Problem, sondern eine Kunst, eine Schöpfung und ein Spiel zwischen dir und deinem Partner.
  • Männlich und weiblich sind absolut gleichberechtigter Ausdruck der Yin- und Yang-Energie, der Energie des Lebens.
  • Vertrauen und Hingabe und nochmal Vertrauen und Hingabe sind alles, was nötig ist.

 

Tantra - der Weg der Unschuld

Wie bitte?! Unschuld?
Hat Tantra nicht etwas mit Sexualität zu tun gehabt?!

Genau.
Unschuld, das heißt auch frei sein von Scham- und Schuldgefühlen. Spielerisch, ins Jetzt versunken, frei von Hintergedanken und Erwartungen. Frei von Normen und Regeln, die nicht aus dem eigenen Herzen kommen.
Man hat uns glauben gemacht, dass Sexualität etwas ist, das man nur heimlich und mit Schuldgefühlen leben darf. Man hat uns eingebleut, uns "da unten" nicht anzusehen – oder gar anzugreifen. Man hat uns angehalten, uns und unsere natürliche Schönheit zu verstecken, uns gelehrt, dass es "gute" und verschämt zu verbergende Körperteile gibt... und das spiegelt sich auch in den Bezeichnungen dafür wider.

Der Dorn sitzt tief. Und schmerzt bei jeder Berührung. Und nur in den seltensten Fällen heilt diese Verletzung von selbst.
Kaum sind die Kindertage vorbei, da wir trotz steter Zurechtweisungen schon auch gewisse Narreinfreiheit genossen ("Ach lass, sie ist doch noch so klein!" "Aus dem wird er schon rauswachsen!"), finden wir uns mit gestutzten Flügeln wieder - zu beschämt ob unseres So-Seins, um einfach loszufliegen; schwerfällig vor lauter Dudarfstnicht und Dusollstaber, verunsichert von der Kluft zwischen dem, was wir fühlen und dem, was wir dürfen – und wir packen leise die Neugierde weg und auch die Spontaneität und auch die Lust und die Freude.

Das ist der eigentliche Verlust der Unschuld – und nicht das, wovor man junge Mädchen warnt! Wir haben uns die natürliche, unbefangene Lebensfreude nehmen lassen...
Doch wir können unsere Unschuld wiederfinden: Sie ist nicht verloren – nur verschüttet unter jahrzehntealtem Müll.

Tantra, das prinzipiell alles bejaht, was da ist (also auch den Müll), hilft dir, dich selbst anzunehmen – anfangs vielleicht zögernd, doch dann mit wachsender Begeisterung Ja zu dir selbst zu sagen, Freude an dir zu haben, die kindliche Neugier wiederzuentdecken, die dich erst zu deinen eigenen, vergessenen Schätzen – und dann zum Du führen wird.

© Helena Krivan. 1998

 

Tantra - Eine Frage der Technik?

Tantra : Technik = Katze : Katzenfutter

Oft rufen Menschen bei uns an und wollen wissen, ob und wieviel und welche Techniken wir vermitteln. Oder sie erzählen, bei einem anderen Veranstalter wäre für sie "zuwenig Technik" dabeigewesen – und so probieren sie’s bei uns. Oder sie wollen in einer Art Crash-Kurs erfahren, wie sie unwiderstehliche Wirkung aufs andere Geschlecht erzielen. Oder sie brennen darauf, Tantra weiterzuvermitteln, und wollen es lernen, so wie man sich den Physikstoff der Unterstufe reinzieht.
Wir haben dann alle Hände und Hirnwindungen voll zu tun, um die Dinge ins (für uns) rechte Lot zu rücken.
Also:
Natürlich gibt es so etwas wie tantrische Techniken, und natürlich vermitteln wir sie auch. Es gibt Atemtechniken, Visualisationstechniken, Mantren, Körperübungen, Meditationen, Techniken der vertrauensfördernden und lustbringenden Berührung, Techniken der Kontaktaufnahme, Entpanzerungsübungen, Techniken zum Abbau von Blockaden oder zur Verzögerung des Höhepunktes und solche zur Heilung der verletzten Sexualität. Sie alle helfen dir, zu deiner Mitte zu gelangen, ganz zu werden, heil zu werden, dich selbst und andere annehmen zu können, liebevoller und dadurch auch lustvoller zu werden.
Aber (und jetzt kommt die Auflösung der rätselhaften Gleichung aus dem Untertitel): Wer sich intensiv mit Katzen befasst, tut sicherlich gut daran, einiges an Katzenfutter vorrätig zu haben.
Du kannst aber die ganze Garage voll mit Katzenfutterkonserven der verführerischsten Marken stehen haben und ein wahrer und unschlagbarer Experte in Sachen Katzenfutter sein – du hast deswegen noch lange, lange keine Katze!
Das Verhältnis von Tantra und Technik ist also vergleichbar jenem zwischen Katze und Katzenfutter: Wenn du dich dem tantrischen Weg verbunden fühlst, dann ist es gut, die eine oder andere Technik auf Lager zu haben, erlernen zu wollen und hin & wieder Lust auf etwas Neues zu bekommen.
Doch ganz gleich, wieviel Technik einer beherrscht und wie eloquent er über Injakulation zu plaudern versteht – er muss noch lange nicht "tantrisch sein", dh. das Wesen von Tantra erfasst haben! Und das gilt ebenso umgekehrt: Wir kennen Menschen, die zutiefst tantrisch leben, ohne je etwas davon gehört zu haben oder auch nur irgendeine der begehrtenTechniken anzuwenden.
Tantra ist eine Geistes-, oder noch besser, Seelenhaltung. Tantra ist ein Ja zu mir selbst und zu allen anderen, zu meinem Leben, so wie es ist, zu meinem Körper, so wie er ist, und es ist ein Ja zu meiner Lust und zur Lust meines Nächsten. Tantra ist (Selbst)Verantwortung, Freude und Stille.

Und zum Drüberstreuen ist ein bisschen Technik manchmal ganz gut.

© Helena Krivan. 1998

 

Tantra und die Lust

Lust...
Allein schon dieses Wort...!
Bei vielen fällt schon bei Erwähnung dieses Begriffs die innere Bahnschranke.

Lust hat was Anrüchiges, was Verbotenes. Lust hat unbedingt und immer mit Sex zu tun. Lust ist etwas schwer Kontrollierbares, ist daher gefährlich und zu meiden. Und sie ist auch immer ein bisschen peinlich, denn sie zeigt, dass da ein Bedürfnis ist: Wo aber ein Bedürfnis, da auch Abhängigkeit. Und wer will denn heutzutage noch von irgendwem oder irgendwas abhängig sein?!

Ganz schwierig wird’s dann, wenn wir ermuntert werden, unserer Lust ihr Dasein zu gestatten, dh. uns als lustvolle Wesen zu erleben, die Spaß haben an dem, was sie tun und anderen zu tun erlauben.

Darf ich denn das? Wie schaut denn das aus? Und: Wird mich der andere noch akzeptieren, wenn er merkt, daß ich mich reinfallen lasse in meinen Genuss und meine Freude? Tut das eine anständige Frau? Tut sowas ein souveräner Mann?

Ach ja, die liebe Lust.

Vielleicht ist es leichter, ihre allumfassende Bedeutung (an)zuerkennen, wenn man sich ihr aus der gleichen zeitlichen Richtung nähert, in der sie gewachsen ist: Ausgehend von deinem ganz frühen, frühesten Erleben...

Da war das genüßlich-beruhigende Daumenlutschen. Und das fröhliche In-die-Gegend-Pinkeln. Da waren Mamas warme Hände und der Papa, der dich hochgeschupft und sicher wieder aufgefangen hat. Da war der sommerwarme Schlamm, der sich seinen Weg zwischen deinen Zehen gebahnt hat, und die feuchten Liebeserklärungen vom Nachbarhund in deinem Gesicht. Da gab es den ersten scheuen Blickkontakt mit diesem kleinen Mädchen im Urlaub. Und irgendwann, obwohl’s niemand wissen durfte, den ersten Kuß...

War das nun alles lustvoll, aber unschuldig? Oder doch erotisch? Oder sogar sexuell?

Ist nicht das, was wir bei Kindern mit einem Anflug von Neid "unschuldig" nennen, einfach nur der unverblümte Umgang mit Lustgefühlen, die ja wahrhaftig an jeder Ecke lauern und nur darauf warten, genossen zu werden?

So ihr nicht werdet wie die Kinder... Hat die Bibel am Ende doch recht?!

Nun, Tantra jedenfalls sagt JA zur Lust in allen ihren Formen. Lust & Freude ist unser eigentlicher Daseinszweck – wir sind nicht zum Leiden & Schmachten hier:
Leute, das Leben darf Spaß machen!

Ich muss nicht teuer bezahlen für meine Lust. – ich darf sie mir einfach holen: Ich darf mich an meinem Körper erfreuen, an meinem Job und dem, was ich gestalte; ich darf die Sonne genießen und auch den Regen – ich darf Spaß mit meinem Liebsten und meinen Kindern haben, ich darf den Teller ausschlecken, im Gewitter tanzen und mich ausführlich dem Liebesspiel hingeben... Die Lust ist da, überall, und sie ist reine Energie.

Hol sie dir!

© H. Krivan, 1999

 

Tantra - Licht in DUNKLE Räume

Manche Menschen kommen zu uns mit der Überzeugung, Tantra habe was mit Spiritualität zu tun.
Und damit haben sie vollkommen Recht.

Andere kommen und sind überzeugt, Tantra habe nur was mit Spiritualität zu tun.
Und damit täuschen sie sich gewaltig.

Oft haben sie schon einige Zeit auf anderen Wegen verbracht, die sich ausschließlich um die spirituelle Komponente des Menschen annehmen, und stoßen unterwegs irgendwann auf Tantra.
Doch hier, beim Tantra, geht es über weite Strecken - und ganz besonders am Anfang - schlicht um den Körper, um den einfachen, materiellen Körper, der Bedürfnisse hat, versorgt, gepflegt und verstanden werden will, der essen und verdauen muss, nicht immer nur nach Rosenwasser riecht und gerne lästige Macken entwickelt.

All das scheint im Widerspruch zu spirituellen Zielen zu stehen: Da geht es doch ums Hohe, Klare, Reine, Ewige, von irdischen Dingen Unangetastete, während die materielle Welt voller Mühsal, Lust und Schweiß steckt und uns ständig vor Augen führt, dass alles, was beginnt, auch ein Ende hat und stirbt - eine Erkenntnis, die der menschliche Geist nur unter Protest akzeptiert.

So scheint es vielen sinnvoller, auf Höheres zu fokussieren, auf das rein Geistige, dh. etwa auf ihr 6. und 7. Chakra zu meditieren, das Feinstoffliche nach Kräften zu fördern und “den Körper loszulassen”.
Und das Verführerische daran ist: Es funktioniert (zumindest eine Zeit lang)!
Man kriegt tatsächlich verblüffende Resultate, Visionen stellen sich ein, ungeahnte geistige Räume tun sich auf, man hat das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Wenn - ja, wenn da nicht noch dieses lästige Anhängsel wäre, dieser Körper, der immer noch Bedürfnisse hat, wenig erleuchtete Ausscheidungen produziert, sich bei unzureichendem Schutz mit Lungenentzündung rächt und hartnäckig Lust auf Lust anmeldet... Viele entscheiden sich an diesem Punkt gegen den Körper und ringen ihm so lange Bedürfnislosigkeit ab, bis er irgendwann aufgibt.

Tantra geht einen anderen Weg.
Es geht davon aus, dass nicht die Reichen der finanziellen Unterstützung bedürfen, sondern die Armen; dass also nicht das Geistige befreit zu werden braucht - es war ja immer schon frei! -, sondern eben das im Materiellen Verhaftete der geistigen Zuwendung und Transformation bedarf: Nämlich der Körper und alles, was mit unseren dunklen, ungeliebten Anteilen zusammenhängt.

Welchen Sinn hat es denn, mit der Taschenlampe in einen Sonnentag hinauszuleuchten? Und wieviel mehr bringt es, mit ebendieser Taschenlampe die düsteren, tiefen, wenig geschätzten Räume des eigenen Hauses sichtbar zu machen, damit Licht und Klarheit dort Einzug halten können?

Tantra ist tatsächlich auf Spiritualität ausgerichtet. Nur: Es spaltet den Körper und die Belange der materiellen Wirklichkeit nicht ab. Der Körper ist der Tempel, in dem die höheren Zustände stattfinden, ja der sie erst ermöglicht. Um so weit zu kommen, müssen aber alle Ebenen des körperlichen Daseins mit Licht und Erkennen erfüllt sein.
Und genau dorthin führt dich Tantra: Deinen Körper energetisch so weit zu transformieren, dass du ihn nicht loszulassen brauchst, sondern dich als ganzer, ungeteilter Mensch auf die Abenteuerreise zu höheren Zuständen begeben kannst.

© Helena Krivan. 2000

 

Macht Tantra verrückt?

Aus eigener Erfahrung kann ich es nur bestätigen!

Einmal müssen wir ja doch mit der Wahrheit rausrücken, weil es sich nicht länger verbergen lässt. Also gut - ihr habt gewonnen, hier habt ihr es schwarz auf gelb:
Ja - Tantra macht verrückt!
Es ver-rückt dich, es verrückt deine Sicht der Welt, es rückt die Dinge zurecht und an die “richtige” Stelle.

Wozu aber bitte, meinst du, solltest gerade du eine soche Ver-rückung wohl brauchen?

Nun, es ist so: JedeR von uns hat eine Unmenge an Fähigkeiten - nehmen wir zB die Fähigkeit, Ja und Nein zu sagen. Wir sind imstande, diese Wörter mühelos in unserem Alltag zu verwenden, und nur bei näherer Betrachtung fällt uns etwas Eigenartiges auf:
Seltsamerweise verwenden wir das Ja oft dort, wo eigentlich Nein angebracht wäre (“Ja gut, ich helfe dir mit der Schülerzeitung - aber ich kann diesmal nur bis Mitternacht bleiben”), während wir gerne und mit leichter Hand Neins hervorbringen, wo eigentlich ein Ja angezeigt wäre (“Neinnein, geht schon, keine Sorge wegen meiner Operation, ich schaff das allein...”).

Ebenso geht es etwa mit der Großzügigkeit: Wir sind leider nicht flächendeckend großzügig - es sind mehr so Inseln der Großzügigkeit, die an den abenteuerlichsten Stellen auftauchen: Wir drücken wir uns etwa leicht drum herum, jemandem unsere Bewunderung auszudrücken, während wir mit uns selbst und unserer Figur vorm Kuchenbuffet ziemlich großmütig umgehen.

Oder mit dem Zorn: Wie leicht fällt es, unser Mütchen an Schwächeren zu kühlen (Kindern, Angestellten, Dienstleistern etc.), und wieviel schwerer ist es, uns aufrichtig und von Angesicht zu Angesicht mit jemandem zu konfrontieren, der möglicherweise auch noch stärker/ vifer/ sprachgewandter ist als wir selbst?
Wir alle verfügen über wunderbare Talente. Wir sind mitfühlend, einfallsreich, geduldig, unabhängig, fürsorglich, altruistisch und noch vieles mehr.
Doch was nützt das tiefste Mitgefühl, wenn es nur für andere da ist - uns selbst sind wir dagegen spinnefeind?
Was bringt aller Einfallsreichtum im Beruf, wenn uns nichts gegen die lähmende Routine in unserer Partnerschaft einfällt?
Was hilft Geduld, die wir für Außenstehende, nicht aber für unsere Liebsten aufbringen?
Und was ist das für eine Unabhängigkeit, die uns so sehr vor lebendigen Beziehungen zurückschrecken lässt, dass sie uns im Endeffekt einsam macht?
Was nützt alle liebende Fürsorge, wenn sie andere zu Kleinkindern degradiert?
Und was bringt der ganze Altruismus, wenn ich mich für die anderen aufgebe, jeden Bezug zu mir verliere und nichtmal mehr weiß, was ich brauche und mir wünsche?

Wir bauen also mit unseren Talenten leichtfüßig Paläste - nur dummerweise bauen wir sie gerne mitten ins Meer und staunen, wenn sie untergehen.
Oder wir stellen stolze Schiffe aufs Festland und wundern uns, warum sie uns nicht in ferne Länder tragen.

Und hier setzt heilsam das Ver-rückende an Tantra an!
Sehr allmählich beginnst du, dir ganz neue Fragen zu stellen - oft hast du gar nicht gewusst, daß man sich sowas überhaupt fragen darf (Ist Muttertag an einem anderen Tag denkbar? Könnte auch ich diese Kleidung tragen? Was, wenn ich mich so ungezwungen bewege wie der dort drüben? Will ich in diesem Job alt werden? Müssen die Schwiegereltern wirklich mit auf Urlaub?).
Du prüfst deine Prioritäten mit einem klaren Blick, der mit zunehmender Erfahrung immer klarer wird. Mit der Zeit wird in deinem Leben vieles zurecht gerückt, neu positioniert, fühlt sich leichter an - wie ein gut passender, den Schritt beflügelnder Schuh... Dein Gehen wird allmählich zum Tanzen.

Tja, und die anderen?

Die anderen denken vielleicht, du seist nicht ganz bei Trost, weil du dich jetzt so anders, irgendwie souveräner durch dein Leben bewegst als früher.
Und es stimmt: Du hast dich deine Weltsicht, deine Konzepte von dem, wie die Dinge zu sein haben, verrücken lassen.
Gratuliere, du bist jetzt tatsächlich ver-rückt!

© Helena Krivan. 2004

 

Ich habs satt!

Ich habs satt!
Wer solches von sich gibt, begleitet es meist mit lebhafter Mimik und Gestik, die deutlich illustriert, was genau passieren wird, sollte die Sättigung ungebremst fortschreiten.

Ich habs soooo satt!
Wenn wir genauer hinschauen, bemerken wir, daß satt sein eigentlich eine angenehme Sache ist und nur bedeutet, daß wir von etwas bestimmtem eine ausreichende Menge erhalten haben. Eben so viel, daß wir nicht mehr davon brauchen.
Satt heißt satt: Es ist genug, es reicht.

Satt, gesättigt: So wie aus einem einfachen Tee umgehend eine gesättigte Zuckerlösung werden kann. Wir brauchen nur eine ausreichende Menge Zucker hineintun - was davon zuviel ist, wird sich all unserem Umrühren ungerührt widersetzen und weiter ungelöst durch den Tee tanzen.
Die Aufnahmekapazität ist eben erschöpft, mehr geht nicht, aus!

Der Sattheit begegnen wir im Alltag in verschiedenen Ausprägungen.
Da wäre einmal jene Sattheit, die sehr einfach, zB mit einer Wurstsemmel, zu erzielen ist.
Dann jene, vielleicht schon leicht gereizt gefärbte, die fünf tägliche Wurstsemmeln nach sechs Wochen herbeiführen.
Und dann noch die - mehr geistig als körperlich wahrnehmbare - Sattheit, die mit einem Schlag, in einem klaren Augenblick frei von jedem Zweifel erkennt:
So nicht.
So kann es nicht mehr weitergehen.
Es reicht, es ist genug - zum Beispiel mit dem ständigen Hintanhalten meiner eigenen Bedürfnisse.
Oder dem, dass ich jedes Jahr fünf Kilo zunehme.
Oder dass ich mich selbst verleugne, nur um jemandes Liebe zu bekommen.
Oder mich aus Bequemlichkeit einem anstehenden Konflikt nicht stelle.
Ich habe jetzt genug davon erlebt. Ich habe es satt.
Diese dritte Form der Sattheit ist eine, die weder Schuld zuweist noch Rachepläne schmiedet. Sie ist frei von Vorwurf und Selbstbestrafung.
Es ist eine, die des alten Zeugs einfach leid geworden ist und nun mit einem mühelosen - weil durch langes Füttern gekräftigten - Schritt aus einem verkrusteten Verhaltensmuster heraussteigt und etwas Neues macht.

Und ganz ähnlich geht Tantra vor.
Im Tantra ist nichts verboten. Nichts an dir, keine Leidenschaft, kein Makel, keine der weniger heilsamen Angewohnheiten muss versteckt, gerechtfertigt, schöngeredet oder klammheimlich untern Teppich gekehrt werden. Wir sollen - nein, besser noch: Wir dürfen endlich Menschen werden, mit all unseren menschlichen dunklen und hellen Nougatschichten.
(Nur zur Klarstellung: Das bedeutet freilich nicht, daß ich ab jetzt jedem auf den Keks gehen darf und soll, weil das halt meine nur mäßig erleuchteten Anteile sind und die lebe ich jetzt, ätsch. Das kann ich zwar schon tun, aber ich bekomme vermutlich rasch eine auf den Deckel.)

Ich darf mich also so lange mit Kirschkuchen vollstopfen, bis ich einfach genug davon gegessen habe und es einstelle.
Ich darf so lange und so leidenschaftlich eifersüchtig sein, bis ich die Schneise an zerbrochenen Beziehungen, die ich hinterlasse, schlicht satt habe.
Es ist völlig ok, mich - meine Zeit, meine Kraft, meine Zuwendung - für alle und jeden aufzuopfern. Bis ich irgendwann merke, daß es jetzt genug ist.

Das ist der Weg des Tantra:
Nichts verbieten.
Alles erlauben.
Dabei aber - und das ist der Trick! - in jedem Moment ganz wach hinschauen.
Und durch dieses wache Hinschauen und -spüren bemerke ich, wann ich nun ausreichend bedient worden und dadurch satt bin.
Und dann..? -
Und dann kann ich die Dinge mit leichter Hand loslassen.

© Helena Krivan, 2005

 

Die Illusion des Ge trennt seins

Ganz am Anfang wissen wir sehr genau:
Wir sind die Welt. Die Welt sind wir.
Und die Welt ist dunkel, warm, gluckst leise und sie schaukelt uns fein hin und her.

Sobald wir etwa 6 Monate alt sind, beginnen wir zu begreifen (und sind stolz darauf, und die Umwelt erst recht): Das hier bin ich, das dort sind die anderen, und dasda rundherum ist die Welt.

Wir werden fleißig größer und wachsen mit ebendiesem Fleiß auch in die Sichtweise hinein, dass auf der einen Seite wir stehen - und auf der anderen der Rest der Welt. Dieser Rest der Welt lässt übrigens über weite Strecken eine ganz schöne Unfreundlichkeit raushängen, indem er uns den Teddybären klaut, das Rad nicht borgt, uns aus fadenscheinigen Gründen (Minusgrade?! Pah!!) kein Eis kaufen will und auch noch verlangt, dass wir Hausübungen machen.

Wir werden noch größer und merken: Die anderen sind anders. Die einen laufen verschleiert herum, die anderen haben ausschließlich Bio-Vollkornbrot zum Essen in der Pause, die nächsten finden, Mädchen sind von Haus aus dumm, und andere verpetzen den angeblich besten Freund.
Zum Glück wissen wir aber ganz genau, was richtig ist; das haben wir nämlich bei Mama und Papa gelernt. Folglich ist alles, was davon abweicht, unrichtig. Und aus der Trennlinie zwischen uns und der Welt entsteht allmählich eine Kluft.

Das hat auch seine Vorteile: Da wir mit diesem Rest der Welt nun aber wirklich nichts zu tun haben, kann er wunderbar an allerlei Unbill Schuld sein, der uns zustößt. Etwa dieser blöde Nachbarshund, der so laut und ausdauernd kläfft, daß wir leider nicht lernen können und nun schon die fünfte Schularbeit in Serie danebengeht. Oder der dämliche Polizist, der uns bloß wegen der paar Promille den druckfrischen Führerschein entzieht. Oder diese Tusse von gegenüber, die uns den Typen wegschnappt, der sonst todsicher und ewig nur auf uns gestanden wäre. Oder die Regierung/ das Wetter/ die Taliban, die ja sowieso an allem Schuld sind.

Es ist also nicht wirklich ungemütlich auf dieser Seite der Kluft zwischen uns und der Welt.
Dummerweise haben die, die Schuld sind, gleichzeitig auch das Heft in der Hand, und uns bleibt unser Leben lang nur das empörte bis resignierte Gezeter über unsere Hilflosigkeit in ebendieser von uns so hoffnungslos getrennten Welt.

Und dann gibt es da ein Ding, das heißt Tantra.
Und das sagt so unerhörte Dinge wie "Schau dich um! Alles, was du siehst, das alles bist du! Das ist deine Welt, dein Universum, von dir selbst erschaffen, von dir selbst gestaltet. Wo du hinschaust - alles du!"

Falls du nicht schlagartig in Ohnmacht gefallen bist ob dieser niederträchtigen Unterstellung - Was denn, die Kriege? Die pelzbehängten Neureichen? Die gestrandeten Wale und die abgeholzten Urwälder, die zweifelhaften Minister, mein elendiger Job und dieser grenzwertige Rasenmäher vom Nachbarn?!! Alles ich?? -, bist du eingeladen, es auszuprobieren: Schau dich um und denke bei allem, was du siehst - Das bin ich, und das bin ich auch... (Nein, nicht irgendwann ausprobieren. Jetzt! Ausnahmen gelten nur für nachweislich Ohnmächtige.)
Was immer mich stört, irritiert, anzipft, wütend macht: Es ist Teil von mir.
Was immer ich haltlos bewundere: Es ist Teil von mir.

Daher kann ich - ha!! - gar nicht großzügig, milde, gütig, geduldig etc. genug sein - ich tus ja alles für mich!
Und da auch plötzlich niemand anderer mehr an meinem Leben Schuld ist, kann ich beginnen, es selbst in die Hand zu nehmen.
Und die Kluft zwischen uns und der Welt beginnt, sich aufzulösen, bis wir irgendwann dort sind, woher wir kommen:
Wir sind die Welt.

© Helena Krivan. 2003

 

 

(Und hier die Auflösung des Fragespiels: Beim Weggehen hatte die Gattin den Strumpf mit der Laufmasche auf dem linken Bein - beim Heimkommen dagegen auf dem rechten.)

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